Wege des Lebens

Eine Geschichte (Einführung)

Es war ein kalter und regnerischer Tag im Spätherbst Anfang November. Der Himmel war wolkenverhangen, sie schienen einen fast zu erdrücken, in ihrem tiefen grau, das keinen letzten Sonnenstrahl des Tages zu einem hindurch dringen ließ. Man könnte meinen die zusammenhängende Wolkendecke verschmolz in der Dämmerung mit dem Horizont. Die einzige Lichtquelle, die dieses Bild des frühen Abends so eindrucksvoll erscheinen ließ, waren die in gleichmäßigen Abständen aufgestellten Straßenlaternen. Es regnete nur ein wenig, aber dafür, waren die Tropfen so klein und dicht, dass man meinen konnte kalter, nasser Nebel würde einen von allen Seiten einnehmen. Der Regen war nicht stürmisch. Eigentlich war es fast windstill, was man beim genaueren Betrachten der Baumkronen, feststellen konnte. Die Bäume hatten zum größten Teil ihre bLätter verloren. Sie lagen wie ein warmer Teppich in leuchtend roten und orangenen Farben, die ganze Straße entlang. Durch die gelbe, kreisförmige Fläche, die durch die Laternen am bunten Blätterteppich zu sehen waren, war es möglich bis ganz ans Ende der Straße zu sehen. Zwar immer wieder nur rechts und links versetzt ein gelber, verschwommener Kreis mit etwas rot und Orange herum, jedoch genug um den Blick in Richtung des Hauses zu lenken, dass am Ende der Straße stand. So sprang die Aufmerksamkeit von Lichtkegel zu Lichtkegel, bis sie an den grün und braun leuchtenden Sternen in jedem Fenster des Backsteinumkleideten Hauses hängen blieb. Vielleicht fragten sich die Vorbeigehenden wieso die Familie dieses Jahr wieder so früh dran war mit ihrer Weihnachtdekoration. Wenn man im zweiten Gedanken allerdings zu dem Schluss kam, dass man von der Familie nichts anderes Gewöhnliches gewohnt war, wurde der Gedanke schnell wieder als unnötig verworfen. Die Leute waren sich nicht sicher was sie von der nun fünfköpfigen Familie halten sollte. So galten sie doch in der Nachbarschaft eher als besonders. Es war wohl einfach nicht ganz so leicht sie in eine ihrer Schubladen einzuordnen. Sie waren gute Nachbarn, so war es nicht. Man grüßte sich, man kümmerte sich um die Post des Anderen wenn man im Uraub war und lieh sich gegenseitig gelengentlich etwas Milch oder Eier, wenn es von Nöten war. Doch irgendwas umgab dieses Haus und die Menschen die in ihm lebten. Niemand konnte genau sagen was es war und es sah niemand als Notwendigkeit an darüber zu sprechen. Etwas was man nicht verstand war, für die Meisten hier, nicht etwas was man ergründen mochte. Mehr Etwas, das man wahrnahm und stillschweigend akzeptierte. Solange es den eigenen gewohnten Alltag nicht beeinträchtigte, war es nicht von Interesse.
Im Vorgarten des zweistöckigen Hauses wurzelte eine mächtige Eiche, die einen großen Schatten auf den Eingang des Hauses warf. Der Garten war nicht ungepflegt, er stach allerdings heraus, da sie es hier vielleicht nicht so genau nahmen wie die umliegenden Nachbarn. Wobei man, wenn man genauer hinsehen würde, feststellen konnte, dass dahinter, mit seinen miteinander verbundenen Blumenbeeten und den dahinter auftauchenden kleinen Terassen, eine gründlich durchdachte Planung lag. Nur augenscheinlich nicht die, eines englischen Rasens, mit umrandenen Blumenbeeten wie in der Nachbarschaft. Auch das Tor und der, das Grundstück umschließende Zaun unterschieden sich von den angrenzenden Umzäunungen. Er war aus dunkelblauem Metall und nicht aus weißem Holz und das Tor, das den Parkplatz vor dem Haus vom Mamor steinernden Weg zur Hauseingangstür trennte, war rechts und links verschnirkelt. In der Mitte war eine große Sonne eingearbeitet worden. Wenn die Farbe nicht überall anfänge abzublettern, und nicht das moosgrün aus alten Tagen zum Vorschein käme, hätte man das Erscheinungsbild fast als schick bezeichnen können. Auch der Postkasten neben dem Tor wirkte wie aus einer anderen Zeit. Er war im gleichen tiefen blau wie der Zaun angestrichen worden, und auf ihm kronte eine metallene Taube, die aussah als wäre sie im Begriff jeden Moment davon zu fliegen.

1.
Auch an der großen, eindrucksvollen Eiche ging die Jahreszeit nicht spurlos vorbei. Die wenigen vereinzelten Blätter, die sich hier und da, mit ihrer letzten Lebenskraft, an den verschlungenen Ästen zu klammern schienen, zogen den Betrachter in ihren Bann. Auch Toni, die sich auf der alten, rostigen Schaukel, die am dicken, tiefliegenden Ast der Eiche befestigt war, in Gedanken versunken, langsam hin und her wog. Ihre langen hellblonden Wellen reichten fast bis zu ihrer Hüfte, so wie sie mit nach oben geneigten Kopf die Baumkrone betrachtete. Man hätte meinen können sie studiere eingängig den Baum, jedoch hätte man gewusst, wenn man sie besser gekannt hätte, dass sie dazu neigte ihre Umgebung zu vergessen, und in ihren Gedanken, manchmal in einer ganz eigenen Welt, zu wandeln schien. Vielleicht ist es das, was sie für die Menschen in ihrem Leben so undurchsichtig machte. Das heruntergleitende gelbe Blatt das langsam auf sie zu fiel und in ihrem Schoß zum liegen kam, ließ sie in die Realität zurück kehren. Sie nahm es in die rechte Hand und sah es sich von beiden Seiten genau an. Sie blickte wieder zur Krone des Baumes hinauf und fragte sich, ob die alte Eiche wohl gespürt hatte, dass sich ihre Gedanken schon wieder im Kreis drehten. Wo sie eben noch über ihre Zukunft gegrübelt hatte und sich fragte, womit sie wohl das nächste halbe Jahr verbringen sollte, bis sie ihr Studium als Juristin begann, waren ihre Gedanken hin zum Wandel der Jahreszeiten gewandert. Wie viele Jahre dieser alte Baum, der um so viel weiser war als sie, wohl durchlebt hatte. Sie beneidete ihn fast für seine Art zu leben. Nur zu existieren, allein der Erwartung entsprechen zu müssen zu wachsen und den Dürren und Stürmen stand zuhalten, schien ihr sehr verführerisch. Das wären Erwartungen die eindeutig sind, und sich nicht von den Eigenen unterschieden. Wobei sich das Leben eines Menschen bei genauerer Überlegung nicht sehr viel anders verhielt, dachte sie. Die stümischen Zeiten waren mit stärke durchzustehen und die, in denen nichts passierte, in denen die Energie nicht zu finden war, um sich zu verwirklichen und um dem Leben einen Sinn zu geben, waren mit Lebenskraft zu füllen. Sie fragte sich immer wieder was das Leben ausmachen sollte. Was war es was sie mit neuer Lebenskraft füllen konnte nach den vergangen Jahren, die auch an ihr nicht spurlos vorbei gegangen waren. Manchmal hatte sie das Gefühl sie würde nicht mehr zu der Leichtigkeit zurück kehren können, mit der sie noch vor nicht all zu langer zeit durchs Leben schritt. Würde sie sich je wieder so unbeschwert fühlen, oder war ihr jetztiges Ich, ihr Ich, dass sie bis zum Ende ihres ja noch so langen Lebens, mit sich herumtragen musste? Sie hoffte auf ersteres, nur schrumpfte dieses hoffnungsvoll schimmernde Licht in ihr, von einer zu Anfangs ausfüllenden Antriebskraft, immer mehr zu einer, sich nicht mehr entzünden wollenden, Sparflamme zusammen. Sie wusste nicht wie sie ihr Feuer wieder entfachen konnte, wo doch für ihre geplante Zukunft so viele, ihr fast unmöglich erscheinenden Aufgaben, zu bewältigen waren. Und da waren ja immer noch ihre gegenwärtigen Lebensumstände, die ihr das Leben schwer machten. Sie liebte ihre Familie, so sehr wie man seine Familie nur lieben konnte. In seltenen schwachen Momenten füllte ihre Tagträume allerdings auch eine Szene aus, in der sie alles stehen und liegen ließ und sich um nichts Gedanken machte als um sich selbst. Auf und davon. Aus den Augen, aus dem Sinn. Doch immer wenn sie sich bei dem Gedanken erwischte holte sie ihre Vernunft wieder ein. Für sie war es unmöglich ihre Verantwortung für ihre Geschwister aufzugeben, und sie schämte sich für diese Vorstellung in ihrem Kopf. Manchmal war sie sich nicht sicher ob sie das alles für ihre Lieben tat, oder ob sie gar nicht mehr wusste wie sie sich definieren konnte, als als die, die sich aufopferte. Sie bemitleidete sich und andererseits brüstete sich damit, ohne dass es ihr klar war. Sie war hin und her gerissen. Aber egal wie oft sie darüber nachdachte, sie konnte einfach keine Lösung finden, wie sie ihrer Familie und dazu noch sich selbst gerecht werden konnte. Manchmal wünschte sie sich alles würde ihr abgenommen werden. Sie wollte sich noch nicht in ihrem Alter fühlen wie eine rumzeternde Ersatz-Mutter. Doch wenn sie das nicht mehr war, wer war sie dann?
Diesmal holte sie sich ohne jede Hilfe aus ihrer Träumerei und machte ihre selbst gedrehte Zigarette an dem hölzernen Aschenbecher aus, der ihr großer Bruder ihr zum letzen Geburtstag geschnitzt hatte, und stellte ihn an seinen Platz am Fuße der Eiche. Für sie war dieser Platz ein Ort der Ruhe. Ein Ort an dem sie alles für eine kurze Zeit hinter sich lassen konnte. Manchmal stellte sie sich vor, eine Verbindung zu dem Baum zu haben. Dass er ihr kraft geben würde. Sie stellte sich dann diese Energie in bunten, strahlenden Farben vor die von der Eiche auf sie übergehen würde. Das schenkte ihr meistens die Kraft die sie brauchte um weiter zu machen, um wieder ins Haus zu treten und ihrer Fassade der starken, jungen Frau nachzukommen, die funktioniert und keine Hilfe benötigt. Dieser Moment war jetzt gekommen, und so ging sie langsam Richtung Tür. Sie richtete sich auf und zog ihre zierlichen Schultern selbstbewusst nach hinten, atmete einmal tief ein und aus, zauberte ein Lächeln auf ihre Lippen, drehte den kalten Türknauf nach rechts und trat ein.